DALE FLANAGAN

 

 
 

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Dale Flanagan
        Dale Flanagan #0021853
Es stimmt nicht, dass Gefangene [...in Amerika] wie Tiere gehalten werden. Tiere werden besser behandelt.
                                                                                                                                                M. Llosa


An meinem ersten Tag, in mehr Ketten als Prometheus, wurde ich unsanft aus einem Gefängnistransporter geschliffen, stolpernd, Schritte verpassend. Die Kälte der Dezember-Mitte traf mich. Man beginnt zu zittern in der Kälte. Eine große grob gemauerte Konstruktion wie etwas, was man in Dokumentationen alter Zivilisationen sieht, steht vor dir. Ein altes amerikanisches Wild West Gefängnis des 18. Jahrhunderts. Du möchtest es sehen? Suche nach dem Film "An innocent Man" (Deutscher Titel: "Von Bullen aufs Kreuz gelegt") (1989).

Bevor du alles in dir aufnehmen kannst, wirst du von einem zähnefletschenden, knurrenden Bellen erschüttert. Du fällst hin. Die Wache hatte den Hund auf dich gehetzt, nur so weit die Leine haltend, dass er nicht zubeißen kann. Das bellende Zähne fletschen einen Inch von deinen Genitalien entfernt. Rotze fliegt, die deinen neon-orangen Overall bedeckt und sofort einfriert.

Bis die Wache den Hund von dir wegzieht, sieht dein Schritt aus, als hätte ihn jemand mit Sprayluftschlangen besprüht. Noch bevor du dich erleichtert fühlst, wird der Hund mit einem riesigen Kerl ersetzt, der dir einen Taser in den Bauch rammt, dich schlägt und Profanes brüllt. "Hast du grade meinen Hund attackiert? Du dreckiges Stück Scheiße! Du mutterfickender...", den handwaffengeformten Taser in deine Rippen reibend, bringt er dich zu Boden. Das Anschreien hört nicht auf. "Beweg' dich. Gib mir eine Entschuldigung. Ich zünde dich an, Mutterficker...!" Schubsen, ziehen, dich zum Laufen zwingend in stolpernden, rutschenden Schritten im Schnee, die Mündung des Tasers wieder und wieder in deine Rippen gerammt.

Desorientiert in Schmerzen merkst du nicht, dass der Mann, die Wache mit den Sergeant-Streifen plötzlich eins - zwei Schritte hinter dir bleibt. Später merkst du erst, es ist alles ein Spiel für sie, aber in diesem Moment hat einer eine Patronenhülse in seinem Gewehr durchgeladen, zwei Etagen über dir zwischen den Zinnen.

"Runter! Runter! Ich töte dich wo du stehst!" Du wurdest absichtlich ins Niemandsland geführt über eine rote Linie, die auf den Zement gemalt wurde und von Schnee begraben war. Der Sergeant hinter dir lächelt boshaft und sagt: "Du gehst besser runter. Er meint es ernst. Er wird dich erschießen."

Du bist ein 19jähriger Junge. Du gehst runter, mehr fallend durch die Ketten, in den Schnee.

Dies geht so lange, bis du irgendwann in den Keller geführt wirst, in eine dreckige, dämmerige Zelle geschubst, Ketten entfernt, eine dicke metallene Gittertür sich klirrend schließen.

Es ist fast eine Erleichterung, wenn du endlich allein bist, vielleicht wie ein Schützengrabenschock, posttraumatische Stressstörung.

Mein erster, nicht mein schlimmster Tag.

Der Tag, an dem meine Oma entdeckt wurde. Weggeworfen in ein Zombie Haus von ihrem Ehemann. Ein Heim für Alzheimer Patienten, in dem sie dich zu dröhnen und sich gar nicht mehr um dich kümmern. Ungewaschen, fast nicht mehr gefüttert, unbesucht, ungewollt... so ein Ehemann.

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